Von den lieben Mitreisenden – eine Typologie

Vorwort

Wie zu Hause auch trifft man auf Reisen mal auf interessante Leute, mal uninteressante Leute und oft auch sehr anstrengende Menschen. Hier wollen wir uns mal den letzten beiden Kategorien von Mitreisenden widmen.

Wir sind als Paar unterwegs und haben beide unseren 30. Geburtstag schon gefeiert. Wir sind in Deutschland steuer- und sozialabgabenzahlende Bürger mit „richtigen“ Jobs in großen Firmen – nicht immer die besten Voraussetzungen 😉

Wir selbst

Die Fremdwahrnehmung, die langsam in Eigenwahrnehnumg umschlägt: Zwei Leistungskurslehrer, die auf großer Klassenfahrt sind. Wer mag schon mit den Lehrer sprechen, aus deren Dikatur man sich doch erst soeben befreit hat.

Zugegeben, Lehrer haben mehr Geld und meiden „mixed fan dorms“ wie der Teufel das Weihwasser. Lehrer sind auch zu gut organisiert und wissen zum Beispiel bereits im Voraus in Thailand, an welchen Strand sie sich absetzen lassen wollen, anstatt unter Dauerkichern nur ein „I don’t know“ rauszubekommen, so dass der Fahrer seine Kichergäste entnervt am nächstbesten Schlepperbüro absetzt.

Lehrer wollen auch schon mal helfen, wenn vor allem junge Mädchen im Ausland krank werden oder verzweifelt einen unangenehmen Ort wie Delhi verlassen wollen. Aber Lehrer dürfen das nicht, nicht mal ein Medikament sponsern sollen sie. Erwachsen werden, war das so anstrengend? Oder sehen wir aus wie zwei gefährliche Menschenhändler?
Manchmal treffen die Leistungskurslehrer auch andere Lehrer oder Menschen, die schon mal gearbeitet haben und erzählen sich spannende Geschichten aus dem Leben und vom Reisen.

Leistungskursklasse auf Dschungelausflug

Leistungskursklasse auf Dschungelausflug

Das Yogamädchen

Vorkommen: Indien, vor allem Goa

Ausprägung: Vor allem weiblich, sehr sehr seltene männliche Vorkommen

Was früher in der Schule die gemeinsame Reise auf den Reiterhof war, wird in den 20igern durch gemeinsame Reisen in ein Yoga-Camp abgelöst. Junge schlanke Dinger verbringen den Tag in gemeinsamen Yogaklassen am Strand, wohnen in einfachen Unterkünften und essen gesunde Dinge. Sonnen zum Teil sogar oben ohne am Strand, was den indischen männlichen Mittouristen zu ungenierten Verweilen, Glotzen und Fotos machen animiert. Ein Yogamädel stört das nicht, abends wird sich in der Gruppe aufgebrezelt und zum hippen Partystrand gefahren, um den gesunden Lebensstil des Tages zu relativieren.

Yoga-Kurs mit angeschlossenem Sonnenstudio - Goa

Yoga-Kurs mit angeschlossenem Sonnenstudio – Goa

Der spirituelle und länger Ausgestiegende

Vorkommen: Indien nahezu ausschliesslich, kleine Populationen auch in Thailand

Ausprägung: Männlich und weiblich, alle Altersgruppen

Indien bietet neben den von uns schon hinreichend beschriebenen Besonderheiten, auch über zwei für Reisende wichtige Dinge: Orte, des geordneten Rückzugs wie Ashrams und noch wichtiger: niedrige Lebenshaltungskosten. Zu den Orten des Rückzugs kann ich nichts schreiben, ich sehe nur die Klischees jeden Tag hier am Strand den Sonnengott anbeten. Diese Kombination machte es schon für die Hippiegeneration in Indien so kommod und wie wir sehen, hat sich daran nix geändert außer ein paar modische Details und dem Vorhandensein von Smartphones oder Laptops.
Die niedrigen Kosten ziehen auch wenig spirituelle Menschen an, wie soll ich sagen, die Flüge aus England nach Indien müssen irre billig sein…

Der Cheap-Out-Spezialist

Vorkommen: Weltweit

Ausprägung: in der Regel männlich

Der Cheap-Out-Spezialist prahlt stets damit, wie wenig er in wenig entwickelten Ländern für Übernachtung, Transport und Essen zahlt. Die Messlate zur Optimierung dieses Reisestils ist der lokale Preis. Auch wir werden nicht gern über den Tisch gezogen, was vor allem beim Transport gerne üblich ist. Aber hier geht der Sport dahin, sich möglichst den widrigsten Bedingungen hinsichtlich Sicherheit, Hygiene und Schlafkomfort auszusetzen. Als gäbe es einen Preis, für das versiffteste Loch, in dem man übernachtet hat. Alle, die nicht in dieser Sportart bestehen, sind direkt Neckermänner, die sich lokal nicht anzupassen wissen. In gewisser Weise verkehrt diese Spezies den deutschen Optimierungswahn nach der Maxime „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ ins Gegenteil. Das häufig von ihm vorgebrachte Argument der Budgetrestriktion verliert dann seine Rationalität, wenn man den Cheap-Out-Spezialist abends in der „Why not Bar“ mehrere Bier bestellen sieht.

Traveller warten auf Füllung des Busses - Laos

Traveller warten auf Füllung des Busses – Laos

Der Stempelsammler

Vorkommen: Weltweit

Ausprägung: oft männlich, auch weibliche Exemplare (wichtig: zu unterscheiden von den Pseudo-Weitgereisten)

Der Stempelsammler war – wie der Name vermuten lässt- schon wirklich überall und kann zu jedem Ort auf der Welt ad hoc eine Hotel- oder Restaurantempfehlung geben, was oft auch wirklich nützlich sein kann. Besonders, da er/sie nicht gleich
jedes Restaurant, Berg, Strand etc. als „Must See“ und „Best ever“ lobt, sondern auch mal eine realistische Einschätzung geben kann.

Da er/sie schon so ziemlich alles gesehen hat, war er auch schon in den exotischsten Destinationen, wie Kirgistan oder Nordkorea. Hier weicht der touristische dann dem sportlichem Ehrgeiz: „I just had to go there, and booked a package trip to North Korea from Beijing“. Zumindest ist der Stempelsammler aber eine interessante Inspirationsquelle für weitere Reisen oder auch nur für Gruselgeschichten aus seltsamen Staaten.

Die Franzosen

Vorkommen: Weltweit

Ausprägung: jedwede

Wir Deutschen sind ja von den Chinesen als Reiseweltmeister abgelöst worden (Artikel). Allerdings gibt es ein Land in Europa, wo wir uns fragen, wer denn überhaupt noch arbeitet. Bekannterweise hat ganz Frankreich den Sommer (also ab dem 1. Juli bis zum 1. September) frei, das Land schliesst für den Sommer. Wir waren also nicht verwundertm pünktlich ab Juli überall um uns herum nur noch Französisch zu hören. Das hörte aber gar nicht mehr auf, also auch nicht im September, nicht im Oktober, nicht im November, nicht im Dezember, immer waren da viele Franzosen. Deutsche und Engländer wurden weniger, Spanier und Italiener mussten wieder ans Werk, aber Franzosen haben immer Ferien. Und nicht nur 1-2 Wochen, nein dank RTT (reduction du temps du travail) und großzügiger Ferienregelung einen ganzen Monat oder mehr, zusätzlich zum Sommer versteht sich.

In Zeiten der Eurokrise sollten wir ja in Europa zusammenrücken, aber unsere Freunde aus dem Westen haben es uns leider nicht immer einfach gemacht. Ab und zu trafen wir mal ein paar nette Exemplare, aber keine gastgebende oder besuchende Nation hat es geschafft, uns auf die deutsche Geschichte derart widerlich anzusprechen. Der nächste Urlaub geht damit ganz sicher nicht nach Frankreich.

Ein Volk, ein Reich, ein ... - und zwei Franzosen auf Langzeiturlaub

Ein Volk, ein Reich, ein … – und zwei Franzosen auf Langzeiturlaub

Der Sinn-/Jobsuchende, Flüchtlinge vor der Arbeitswelt

Vorkommen: Weltweit

Ausprägung: alle Geschlechter, oft aber nicht zwangläufig jünger

Auch wir sind in gewisserweise Flüchtlinge aus der Arbeitswelt. Solange wir unterwegs sind, interessieren uns die Grenzen eines Jahresurlaubs nicht. Wir geben zwar nur Geld aus und verdienen nichts, aber dafür entziehen wir uns außerdem der Subventionierung des Staates durch unsere monatliche Abgaben 😉

Unter Langzeitreisenden kommt irgendwann immer die Frage auf, was man denn so zu Hause macht bzw. gedenkt zun tun, wenn man wieder zurückkehrt. Oft erkennt man dann, dass viele Menschen auf der Flucht sind und von der Reise die Beantwortung von großen Fragen im Leben erwarten: Was soll ich hier, wo finde ich einen netten Partner, was soll ich arbeiten?

Kann das eine Reise leisten? Zeit zum Nachdenken hat man unterwegs schon, man kann Vorsätze fassen und vielleicht auch das eine oder andere unterwegs regeln.

Von den größten Flüchtlingen unterwegs haben wir auch gehört, dass sie nie wieder zurückkehren werden, aber machen wir uns nichts vor, es gibt immer eine Rückkehr. Weltreisetickets sind nur ein Jahr gültig, Visas laufen irgendwann aus, und Ausländer ohne ausreichende finanzielle Mittel will auch keiner haben. Ausnahmen mag es geben, aber ich würde mich nicht darauf verlassen, in einen sonnigen Land in eine finanziell abgesicherte Familie einzuheiraten oder zufällig den top bezahlten Traumjob angeboten zu bekommen, der einem Zeit lässt, jeden Tag surfen zu gehen.

Ich habe niemanden getroffen, der durch eine Reise feststellt hätte, was man beruflich machen oder verändern möchte. Keine Trekkingtour, kein Tauchgang, keine Busfahrt bringt einen hier weiter. Man muss einfach Sachen ausprobieren – zu Hause. Vielleicht kommt man mit einem neuem Hobby (Tauchen, Bloggen) oder einer tollen Idee für ein Geschäft zurück. Oder noch einfacher: Manchmal traut man sich nach einer großen Reise auch einfach mehr selber zu. Aber man muss eben den Biss haben, die Pläne zu Hause auch durchzuziehen.

Das mag für den einen oder anderen ein ernüchternes Fazit sein, ich weiß. Aber keine Sorge, Reisen ist trotzdem keine Zeitverschwendung, es gibt eben nur keine Jobmaschine, die man unterwegs finden kann.

Sinnsuche bei Minus 15 Grad in Bolivien

Sinnsuche bei Minus 15 Grad in Bolivien

Der Volunteer

Vorkommen: weltweit, vor allem natürlich ärmere Länder

Ausprägung: nahezu 100% weiblich, jüngere Ausprägung

Bevor wir in die Welt gezogen sind, hatten wir auch mal kurz die Idee, unsere Ausbildung und Erfahrung in etwas „Sinnvolles“ einzubringen, immerhin hat man uns ja mal studieren lassen und zu Hause bekommen wir Geld für die Dinge, die wir so können. Warum also nicht etwas damit bewirken, was die Welt einiger Menschen verbessern kann?
Nach ein paar Recherchen im Internet wurden uns ein paar Dinge klar: Da wir keine medizinische Berufe haben, scheiden wirklich sinnvolle Dinge sowieso aus, genau wie zu Hause eigentlich ;-).

Aber was schon nahezu schockiert hat war die Tatsache, dass es inzwischen einen Markt für Wohltätertum gibt. Ja richtig, man kann und soll Geld dafür bezahlen, dass man arbeitet, und gar nicht wenig. Wir sprechen hier von Summen mit denen man sich auch in ein nettes Resort mit Pool länger einbuchen könnte. Was man so macht, kann oder gelernt hat, spielt dagegen keine so große Rolle. Nun haben wir aber unterwegs gemerkt, dass wir wohl auch nicht die Zielgruppe für sowas wären. „Volunteering“ scheint unter jungen Mädels gerade ein Trend zu sein, also mal eine Woche Englischunterricht in Thailand zu geben oder für ein Ökoresort in Indonesien Werbung zu machen. Ich will nicht zynisch klingen, aber was wir hier oft beobachtet haben, hat mit nachhaltiger (Entwicklungs-)Hilfe nicht viel zu tun. Einem Teil der Teilnehmer(innen) schien das auch irgendwann klar zu werden, dass es sich vornehmlich um Geschäftemacherei handelt. Einem anderen Teil der Teilnehmer(innen) versetzt allerdings das bezahlte Wohltätertum in den Status eines besseren Menschen und eines besseren Touristen sowieso. Diese Einstellung wird dann auch gerne lautstark verkündet, zum Beispiel, wenn man sich auf Fidschi von den schlimmen Strapazen in Thailand erholen muss (leider gehörte es zum Inselleben dazu, dass alle Gäste an einem Tisch zusammen essen, so dass ich nicht flüchten konnte).

Selfies oder auch Ich-und-mein-iPhone

Vorkommen: weltweit

Ausprägung: beide Geschlechte, Anfang 20

Die Abhängigkeit vieler Menschen von ihrem Smartphone, die sie zusammen mit teuren Mobilfunkverträgen bekommen, sichert mir beruflich gesehen die Reisekasse, also werde ich mich nicht darüber beschweren 🙂

Jedoch nutzen viele ihre Endgeräte dafür, um sich ständig in Szene zu setzen, um der Welt (oder Facebook) einmalige oder weniger einmalige Erinnerungen zu hinterlassen. Dieses Verhalten wird sehr treffend als Erstellen von „Selfies“ beschrieben und erhielt dieses Jahr die Auszeichnung als (englischsprachiges) Wort des Jahres. Und wie immer gibt es Leute, die es übertreiben. Wenn man beim Schnorcheln von einem Selfie-Schnorcheler mit wasserfester iPhone-Hülle angerempelt wird, da dieser mehr mit der Inszenierung seiner Selbst als mit der Unterwasserwelt beschäftigt ist, fragt man sich schon, was das soll.

Nahezu deckungsgleich ist der Wifi-Abhängige. Ja auch wir waren auf der Reise oft darauf angewiesen, Zugang zum Internet zu haben, aber es gibt Orte auf der Welt, die man vielleicht auch deshalb bereist (und erholsam findet), weil sie so abgeschnitten sind von der Welt. Bukit Lawang in Indonesien oder die Yasawa Inseln in Fiji zum Beispiel. Selfie-iPhone-Jünger erkennt man dann zielsicher daran, dass für sie auf die Verneinung der Eingangsfrage nach Wifi-Empfang die Welt zusammenbricht.

Ich kann gar nicht schwimmen... - Fotosession beim Rafting

Ich kann gar nicht schwimmen… – Fotosession beim Rafting

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