Indien ist so spirituell…

Wenn so manche Leute über ihren Indien-Urlaub erzählen, so kommen diese aus dem Schwärmen nicht mehr heraus.

Hach, Indien ist so ein spirituelles Land. All die Farben, Gerüche, Eindrücke. Die netten Menschen, der Verkehr, wie inspirierend.
Die Frauen in ihren schönen bunten Saris, die vielen Blumen, bunten Tempel, Paläste und die vielen heiligen Kühe auf der Straße. Die duftenden Kerzen und Kräuter im Essen. Und alle sind so freundlich…

Ja, diesen Eindruck kann man natürlich gewinnen, wenn man unter einer Glasglocke reist. Vom 5-Sterne-Hotel in einem klimatisierten Reisebus oder Privatwagen abgeholt, mit einem Fahrer in Maharadscha-Folklore-Uniform und dann von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gefahren. Abends gibt’s Essen im Hotel und man muss keinen Fuß vor die Tür setzen. So kann man Indien natürlich auch erleben.

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Trotzdem sehen die meisten Pauschalreisenden nicht wirklich glücklich aus. Und sind wir doch mal ehrlich: die Myrrhe-Kerze brennt nur ab, damit man die Pisse und Scheiße nicht riechen muss, wenn das Essen direkt daneben zubereitet wird. Die bunten Kleider kann sich nur die Mittelschicht leisten (die aber sich auch gerne westlich kleidet) und die vielen Paläste konnte man nur bauen, weil man das einfache Volk entsprechend ausgebeutet hat. Das Geld, welches in all die schönen Dinge geflossen ist, fehlt eben anderswo, d.h. bei den restlichen 90% der Bevölkerung. Und statt Tempel könnte man mal richtige Abwässerkanäle und Toiletten bauen. Das war schon zu Buddhas Zeiten vor 2500 Jahren so und hat sich bis heute nicht geändert.

Hinduistische Taubenfütterung

Hinduistische Taubenfütterung

Was heißt schon, die linke Hand sei unrein? Kann man sich nicht einfach mal beide Hände waschen? Ein Inder im Zug hat behauptet, das größte Problem Indiens sei die hohe Bevölkerungszahl. Ja, stimmt, ist aber nicht die volle Wahrheit. Auch Japan ist überbevölkert und trotzdem ist es dort sauberer als hier. Reinlichkeit ist hier einfach kein Wert: der Müll wird einfach auf die Straße geworfen und selbst die öffentlichen Urinale werden nicht benutzt: man pinkelt lieber einfach daneben.

Die Mentalität der Leute erinnert uns eher an den arabischen Raum: das Verhältnis zu Frauen, die ständige Über-das-Ohr-hauen und Bakschisch-Mentalität, der Dreck und wie unhöflich, nein eher menschenverachtend man teilweise miteinander umgeht. Frauen werden grundsätzlich angegafft, einige weibliche Gäste hier im Hotel erzählten uns aber auch schon, wie sie auf der Straße begrabscht worden seien. Aber jetzt tue ich dem arabischen Raum unrecht, dort sind wir wenigstens bisher meistens freundlich behandelt worden.

So, das Lumpenbündel, welches gestern neben dem Müllhaufen lag und auf dem die Fliegen saßen, hat sich heute bewegt. Lebt also noch. Alles gut. Auch das gehört zu Indien: einfach ausblenden und nicht drüber nachdenken. Und falls jemand fragt: nein, das Elend kann man hier nicht fotografieren. Wir trauen uns kaum, die Kamera auszupacken.

Das wahre Leben spielt sich auf der Straße ab und das ist hier einfach nicht schön. Indien fordert von Individualreisenden einfach alles ab.

Aber alle sagen uns, im Süden sei alles besser und Goa sei ganz anders. Wir hoffen noch und haben uns auf die Dachterasse unseres Gasthauses zurückgezogen. Wir haben übrigens inzwischen mal ein Restaurant aus dem Reiseführer aufgesucht. Plus Steuer, Service und Schnickschnack wären wir für ein Mittagessen aber schon beinah bei deutschen Preisen gewesen. Das ist der Aufpreis, den man hier zahlt, um sauberes Essen in einem klimatisierten Raum zu bekommen. Hier sitzt auch die indische Mittelschicht.

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2 thoughts on “Indien ist so spirituell…

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